Onboarding internationaler Pflegefachpersonen mit Unterstützung von Kulturbotschafter:innen
Mitarbeitende mit eigener Migrationserfahrung unterstützen im Universitätsklinikum Münster als Kulturbotschafter:innen die Integration internationaler Pflegefachkräfte und begleiten sie im Anerkennungsprozess.
20.11.2025
Universitätsklinikum Münster – AöR
Angelika Maase, Simon Hake, Tatiana Rico Gutiérrez
Konzertierte Aktion Pflege
Onboarding internationaler Pflegefachpersonen mit Unterstützung von Kulturbotschafter:innen
Projektanlass
Viele Pflegende, die selbst eine Migrationserfahrung hinter sich haben, kennen die Herausforderungen eines Neustarts in einem anderen Land sehr genau: ein ungewohntes Gesundheitssystem, sprachliche Barrieren und ein neuer beruflicher Alltag. Aus diesem Erfahrungsschatz heraus entwickelte sich die Idee, diese Kolleginnen und Kollegen gezielt einzubinden, um internationale Pflegefachpersonen beim Ankommen zu unterstützen. Als Kulturbotschafter:innen sollen sie Orientierung geben, Mut machen und eine Brücke zwischen unterschiedlichen Lebenswelten schlagen.
Projektumsetzung
Die Rolle der Kulturbotschafter:innen umfasst zwei zentrale Aufgaben: Sie begleiten neue internationale Mitarbeitende während ihres gesamten Anerkennungsprozesses und stärken gleichzeitig das Verständnis in den Teams für kulturelle Hintergründe und mögliche Stolpersteine im Integrationsprozess. Vor Beginn ihrer Tätigkeit absolvieren sie einen intensiven Workshop, der sich mit eigenen und fremden Kulturmustern, Ursachen von Missverständnissen, Diskriminierungserfahrungen und persönlichen Belastungen auseinandersetzt. Diese fachliche und persönliche Reflexion hilft ihnen, im Pflegealltag sicherer zu agieren und andere gut zu begleiten.
In der Praxis unterstützen sie neue Kolleg:innen bereits vor deren Anreise, helfen beim Onboarding, vermitteln zwischen Sprachen und Kulturen, begleiten zu Prüfungen und stehen als niedrigschwellige Ansprechpartner:innen bei Unsicherheiten zur Verfügung. Sie sind eng mit dem Integrationsteam vernetzt und reflektieren ihre Erfahrungen regelmäßig in Workshops und Coachings. Für ihre Aufgaben erhalten sie zeitliche Freistellungen, die je nach Umfang variieren. Das Projekt wächst kontinuierlich: Von anfänglich zehn Teilnehmenden im Jahr 2024 entwickelte sich das Netzwerk bis Anfang 2026 auf 36 Kulturbotschafter:innen und wird weiter ausgebaut.
Projektbeurteilung
Besonders wertvoll ist die klare Rollentrennung: Während das Integrationsteam strukturelle Prozesse verantwortet, können Kulturbotschafter:innen sehr nah an den Kolleg:innen agieren – ohne prüfende oder disziplinarische Funktion. Das schafft Vertrauen und erleichtert Gespräche über persönliche oder kulturelle Herausforderungen. Auch wenn eine umfassende Evaluation noch aussteht, zeigt das bisherige Feedback internationaler Pflegefachpersonen, wie wichtig diese Begleitung für ihre emotionale Stabilität und ihr berufliches Ankommen ist.
Als besonders gelungen gilt die gewachsene Sichtbarkeit im Haus, das gestärkte Selbstbewusstsein der Kulturbotschafter:innen und ihre Rolle als Vorbilder. Ihre Unterstützung bietet neuen Mitarbeitenden Sicherheit – inzwischen auch für deutsche Teams, die mit Kolleg:innen mit Migrationsgeschichte zusammenarbeiten

© Kulturbotschafterinnen | Uniklinik Münster
Daten zum Modell
20.11.2025
Universitätsklinikum Münster – AöR
Angelika Maase, Simon Hake, Tatiana Rico Gutiérrez
Konzertierte Aktion Pflege
Onboarding internationaler Pflegefachpersonen mit Unterstützung von Kulturbotschafter:innen
Anschrift | Universitätsklinikum Münster – AöR Albert-Schweitzer-Campus 1 Nordbahnhofstrasse 131 48149 Münster
Kaufmännischer Direktor: Dr. rer. pol. Christoph Hoppenheit Ärztlicher Direktor: Univ.-Prof. Dr. med. Alex W. Friedrich Pflegedirektor: Thomas van den Hooven |
Website | |
Ansprechpartner der Maßnahme | Angelika Maase, Leiterin Geschäftsbereich Pflegeentwicklung / Abteilung internationale Fachkräfte Simon Hake, Stellvertretender Leiter Abteilung internationale Fachkräfte Tatiana Rico Gutiérrez, Operations-technische Assistentin (OTA), Praxisanleiterin & Kulturbotschafterin |
| Struktur- und Leistungsdaten | |
Anzahl der Betten im gesamten Krankenhaus Anzahl Betten: |
1.513 Betten |
Ärzt:innen Ärzt:innen insgesamt (außer Belegärzt:innen): |
1024 Vollkräfte |
Pflegepersonal Gesundheits- und Krankenpfleger:innen Pflegefachpersonen: |
1.151 Vollkräfte 122 Vollkräfte |
Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger:innen: Altenpfleger:innen | 217,5 Vollkräfte 73 Vollkräfte |
Ausgangslage
- Pflegende mit Migrationsgeschichte wissen aus eigener Erfahrung, wie herausfordernd der Start in einem neuen Land, einem neuen Berufssystem und einer neuen Sprache sein kann.
- Als Brückenbauer:innen zwischen den Kulturen sollen sie neue internationale Kolleg*innen im Anerkennungsprozess begleiten, alltagsnahe Orientierung geben, ihre Erfahrungen teilen – und zeigen: Du bist nicht allein. Gemeinsam mit dem Integrationsteam stärken sie so ein respektvolles, interkulturelles Miteinander im Pflegealltag.
Am Projekt beteiligte Berufsgruppen/Personen
- Pflegedirektion, Team Internationale Fachkräfte (Leitung, Stellvertretung, 3 Berufspädagoginnen), ESE (Ethnologie in Schule und Erwachsenenbildung e.V.)
Ziele
- Kulturbotschafter:innen sollen mit ihren individuellen Migrationsgeschichten den neuen internationalen Pflegefachpersonen aus ihrer eigenen Perspektive helfen, den Integrationsanforderungen besser zu begegnen.
- Gleichzeitig sollen sie die Stationsteams für diese Themen sensibilisieren, eine Brücke zwischen den Kulturen bauen und zu einem wertschätzenden, kulturellen Miteinander beitragen.
Eingeführte Maßnahmen
- Zur Vorbereitung der Rolle nehmen die Kulturbotschafter:innen an einem 5-tägigen Workshop, geleitet von 2 Dozentinnen von ESE, Ethnologie in Schule und Erwachsenenbildung, e.V., teil.
- Dabei werden Fragestellungen wie die eigene und fremde Kultur diskutiert, wie kulturelle Missverständnisse zustande kommen und aus welchen Grundannahmen kulturelle Vorurteile resultieren.
- Weitere Themen sind beispielsweise das persönliche Erleben und Verarbeiten des eigenen Kulturschocks zu Beginn in Münster und am UKM, der Umgang mit Diskriminierungserfahrung und herausfordernden Lebens- und Arbeitsphasen sowie das mögliche Unterstützer- und Hilfsnetzwerk am UKM
- Die Auseinandersetzung mit diesen Themen sollen Überforderungen vermeiden und dabei helfen, Handlungsstrategien im (Praxis)Alltag zu entwickeln
- Die Kulturbotschafter:innen werden eng durch das Integrationsteam des UKM in ihrer Rollenentwicklung und -ausübung begleitet und reflektieren in Follow-up-Coachings bzw. Workshops das bisher Erlebte.
- Die Kulturbotschafter:innen sind für alle Beteiligte rund um die Integration ansprechbar – vom Integrationsteam, über die internationalen Pflegenden im Anerkennungsprozess bis zum Stationsteam
- Zu ihren Aufgaben zählen:
- Frühe Kontaktaufnahme mit internationalen Pflegenden bzw. zukünftigen Kolleg:innen durch Videobotschaften schon im Herkunftsland
- Unterstützung im Onboarding-Prozess: Zeigen den neuen Kolleg:innen den Campus in Münster, erarbeiten mit diesen ihre Mitarbeiter-Steckbriefe, helfen beim Vernetzen/Bekanntmachen mit Vorgesetzten und Kolleg:innen und zeigen die Stadt Münster
- Ansprechpartner:innen bei kulturellen und sprachlichen Fragen, Übernahme von Kurspatenschaften in Tandems bei neuen Gruppen internationaler Pflegefachkräfte
- Fungieren als Sprachmittler, auch Patient:innen gegenüber. Kulturbotschafter:innen tragen auf Eigeninitiative hin einen zweiten Ausweis am Kittel, der sie als Kulturbotschafter:in ausweist und ihre Sprachkenntnisse auflistet
- Begleitung neuer Kolleg*innen im gesamten Anerkennungsprozess und Klinikalltag
- Vermittlung zwischen Herkunfts- und Zielkultur im Pflegekontext; Unterstützung im fachlichen Kontext zum Bestehen der praktischen und theoretischen Kenntnisprüfung
- Fachliche Hilfe bei Prüfungen und der Orientierung im deutschen Pflegesystem
- Emotionale Unterstützung bei Herausforderungen wie Heimweh oder Kulturschock
- Enge Zusammenarbeit mit dem Integrationsteam und
- Praxisbesuche auf den Stationen (Walk-to-talk)
- Zur Ausübung ihrer Aufgaben sind sie in der Regel zu 10% von ihrer Tätigkeit freigestellt (selbstbestimmte Ausübung). Einzelne Kulturbotschafter:innen sind bis zu 40 % freigestellt, um beispielsweise ihre Kolleg:innen zu unterstützen, Workshops zu organisieren und durchzuführen sowie auf Prüfungen vorzubereiten und diese im Vorfeld zu simulieren.
- Mindestens einmal pro Monat findet ein Projekttag statt, an welchem sie an ihrer Rolle oder speziellen Projekten arbeiten
Übernahme in die Regelversorgung
- In 2024 wurden zunächst 10 Kulturbotschafterinnen implementiert, in 2025 kamen weitere 12 Botschafterinnen und Botschafter hinzu (Albanien, Syrien, Italien, Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Spanien für Pflege, OTA, ATA, MT). Anfang 2026 besteht das Team aus 36 Kulturbotschafter:innen. Für April 2026 ist ein neuer Kurs mit 16 Teilnehmenden geplant.
- Eine stetige Ausweitung für die nächsten Jahre ist vorgesehen, bis jede Station des UKM mindestens eine Kulturbotschafter:in als Teammitglied vorweisen kann
- Ein besonderer Vorteil wird in der Trennung von Integrationsteam und Kulturbotschafter:innen gesehen. Das Integrationsteam agiert neutral den Pflegenden gegenüber, während die Kulturbotschafter:innen eher die Rolle von kollegialen Berater:innen einnehmen und diese dabei sehr niederschwellig begleiten können. Sie haben des Weiteren keine disziplinarische oder prüfende Funktion den Kolleg:innen gegenüber. Die Kulturbotschafter:innen können zudem bei Überforderung (z.B. psychisch, Erkrankungen, Diskriminierungen, Stigmatisierungen) jederzeit das Integrationsteam um Unterstützung bitten.
- Es wurde noch keine explizite Evaluation der Maßnahme durchgeführt (kleine Stichprobe). Jedoch werden Feedbackgespräche mit neuen internationalen Fachkräften geführt. Die Resonanz zu den Kulturbotschafter:innen ist dabei positiv.
Rückblickend als besonders erfolgreich betrachtet
- Die Sichtbarkeit der Kulturbotschfter:innen im Unternehmen wurde durch die zusätzlichen Ausweise sichergestellt.
- Die Sichtbarkeit nach Außen wurde durch einen speziellen Internetauftritt (freiwillig) geschaffen.
- Die Kulturbotschafter:innen haben durch ihre Rolle ein Empowerment erfahren und sind sehr stolz auf ihre Arbeit. Die Umsetzung der Rolle schafft ein anderes Gefühl der Zugehörigkeit und wertschätzt die eigene Migrationsgeschichte.
- Kultubotschafter:innen sind zu beruflichen Vorbildern für andere (internationale) Pflegende geworden. Mittlerweile gibt es unter ihnen Bachelor-Abschlüsse, APN, Praxisanleiter:innen und Fachweiterbildungen.
- Internationale Pflegende erfahren eine emotionale und soziale Stabilisierung auf niederschwelliger Ebene, ohne disziplinarisch verantwortliches Personal
- Die Rolle der Kulturbotschafter:innen wird zunehmend bedeutender, da sie mittlerweile auch deutsche Kolleg:innen bei der Einarbeitung von Mitarbeitenden mit Migrationshintergrund unterstützen
- Für neue ausländische Mitarbeitende sind die Kulturbotschafter:innen eine Stelle, die ihnen Sicherheit gibt, da sie in ihrer jeweiligen Muttersprache unterstützt und gut begleitet werden.
Tolles Integrationsprojekt: „von Betroffenen zu Beteiligten machen“
